Das Knie spielt nicht mit

Patricia Lange beendet ihre Laufbahn. Sie bleibt dem TV Oyten aber als Spielwartin erhalten.

Im Angriff kam Patricia Lange meist am Kreis zum Einsatz. Viel wohler hat sie sich aber in der Defensive. (Fotos: Björn Hake)

Mehr als ein Jahr liegt das letzte Spiel von Patricia Lange für den TV Oyten mittlerweile zurück: Am 10. März 2019 hatte sich die Kreisläuferin des Handball-Drittligisten beim 29:28-Sieg im Heimspiel gegen den 1. FC Köln am Knie verletzt. Zunächst hatte es so ausgesehen, als sollte die 28-Jährige mit einem blauen Auge davonkommen. Kein Kreuzbandriss – so hieß es nach einer ersten MRT-Untersuchung. Ein Irrtum. Vielmehr begann für Patricia Lange eine Leidenszeit mit Operationen in Hannover und Hamburg. Inzwischen wurde ein Eingriff am Meniskus vorgenommen, eine weitere Operation am Kreuzband steht noch aus. „Es zerreißt mir das Herz, aber ich könnte frühestens in eineinhalb Jahren auf die Platte zurückkehren“, bedauert Patricia Lange. Die Leidenszeit hat für Lange, die in Oyten nur Paddel genannt wird, nun eine unausweichliche Folge: Nach 24 Jahren im Trikot der „Vampires“ hat sie einen Schlussstrich unter ihre Laufbahn gezogen.

Mit Patricia Lange verliert der TV Oyten ein waschechtes Eigengewächs. Angefangen mit dem Handballspielen hat die Rechtshänderin bei den Minis. Und auch im Nachwuchsbereich hatte sie mit dem TVO schön viel erlebt: Nach einer Knieverletzung in der B-Jugend holte sie als A-Jugendliche an der Seite von Lisa Bormann-Rajes und Jana Kokot den norddeutschen Meistertitel. Auch an das Aus im Sudden Death im Halbfinale des A-Turniers bei den Lundaspelen in Schweden gegen IK Sävehof erinnert sie sich gerne zurück. Einige „Gänsehaut-Momente“ seien schon dabei gewesen, blickt Patricia Lange zurück. Einer ihrer Trainer in der Jugend war Sebastian Kohls.

Kohls war es auch, der die vorbildliche Kämpferin und Abwehrspezialisten zur Saison 2016/2017 in den Kader der ersten Frauen beförderte. Zuvor hatte Patricia Lange mit Oytens Zweitvertretung in der Oberliga gespielt und auch in der dritten Mannschaft ausgeholfen. Sie wurde auf dem Feld stets dort eingesetzt, wo sie gebraucht wurde. Kreisläuferin und Rechtsaußen – auf den beiden Postionen war Patricia Lange im Angriff zu Hause. Ihre Leidenschaft blieb aber die Defensive. Hinten in der Abwehr ackern, um jeden Ball kämpfen und dem Gegner das Torewerfen so schwer wie möglich machen, das zeichnete Patricia Lange aus. „Ich habe es schon immer geiler gefunden einen Wurf zu blocken, als ein Tor zu werfen“, sagt sie schmunzelnd.

Eine unvergessliche Schlussphase

Ihre erste Saison im Trikot der ersten Mannschaft und insbesondere das letzte Heimspiel gegen den SV Henstedt-Ulzburg wird Patricia Lange wohl Zeit ihres Lebens nicht vergessen. Mit einem 30:30 gegen den Tabellenzweiten aus Schleswig-Holstein war der TVO am 23. April 2017 Spitzenreiter geblieben, eine Woche später machten die „Vampires“ mit einem Sieg beim HSV Minden-Nord die Meisterschaft in der 3. Liga Nord  perfekt. Das Unentschieden gegen Henstedt war damals auf dramatische Art und Weise zustande gekommen.  60 Sekunden vor dem Abpfiff glaubte kaum einer der Zuschauer in der rappelvollen Pestalozzihalle, dass der TV Oyten die Tabellenführung behalten würde. Die Gäste führten zu diesem Zeitpunkt mit zwei Toren. Doch die Ereignisse überschlugen sich. Zunächst traf Jacqueline Nowak zum 29:30. Drei Sekunden vor dem Ende wurde erneut Nowak an der Mittellinie gefoult. Regelkonform gab es die Rote Karte gegen die Gäste und einen Siebenmeter für den TV Oyten. Diesen verwandelte Jana Kokot zum Endstand. Der Jubel der anschließend ausbrach, hat man seit dem nicht mehr in Oyten gesehen.

Mittendrin im Freudentaumel war Patricia Lange. Diesen Moment wird Patricia Lange nicht mehr vergessen: Jana Kokot (Zweite von rechts) verwandelte gegen Henstedt einen Siebenmeter und stieß mit diesem Treffer das Tor zur Meisterschaft 2017 für den TV Oyten ganz weit auf. (Björn Hake)

Oyten hatte in der Partie auf Lisa Bormann-Rajes verzichten müssen, für die vom Bundesligisten HSG Blomberg-Lippe zurückgekehrte Linkshänderin agierte Patricia Lange auf dem rechten Flügel. „Ein solch wichtiges Spiel im direkten Duell um die Meisterschaft nach einem Zwei-Tore Rückstand in den letzten 20 Sekunden noch zu drehen und die Meisterschaft  zu gewinnen, das ist nicht in Worte zu fassen. Da war alles drin, was ein Handballspiel ausmacht“, blickt sie auf diesen Höhepunkt ihrer Laufbahn zurück.

In der vergangenen Saison wurde der TV Oyten durch den coronabedingen Saisonabbruch vor dem Abstieg gerettet. Spielerinnen wie Jana Kokot, Lisa Goldschmidt, Lisa Bormann-Rajes und Marielle Wolf haben ihren Abschied genommen – und nun eben auch Patricia Lange. Doch Trainer Marc Winter hat seine Kaderplanung bereits erfolgreich beendet. Pia Franke und Lena Schulz konnte er zum Beispiel von einer Rückkehr zu den „Vampires“ überzeugen. Der Umbruch zeigt aber eben auch, dass in Oyten eine neue Ära eingeläutet wird. „Das ist ganz normal“, findet Patricia Lange. Sorgen mache sie sich keine um den TVO. Seit dem Marc Winter mit Lars Müller-Dormann das Team übernommen hat, gehe es wieder aufwärts. „Es ist beeindruckend“, betont Patrcia Lange, „was der kleine Dorfverein über all die Jahre durch ehrenamtliche Unterstützungen, Leidenschaft und Herzblut erreicht hat.“

Sie selber wird als Spielwartin ein Teil der „Vampires-Familie“ bleiben. Dem Verein habe sie viel zu verdanken, sie wolle durch ihre Unterstützung etwas zurückgeben. Was ihr in Zukunft fehlen wird? So einiges zählt Patricia Lange auf: „Die Anspannung vor dem Spiel, den gemeinsamen Kampf für ein Ziel und all die Emotionen auf dem Feld – und natürlich das brennende Glücksgefühl einen wichtigen Ball geblockt zu haben.“ Das alles werde sie vermissen.

Quelle: Achimer Kurier  -  Autor: Jürgen Prütt

02.06.2020, 08:47 Uhr Presseberichte