Oyten. Andrea Junk und Britta Reimann, die beiden Torfrauen des TSV Travemünde, trösteten sich während der Halbzeitpause gegenseitig. Sie schüttelten ungläubig ihre Köpfe, zuckten ratlos mit den Schultern und blickten ziemlich niedergeschlagen drein. Jacqueline Reinhold hatte ihnen einen Ball nach dem anderen um die Ohren geworfen, die explosive Rückraumspielerin des TV Oyten traf in den ersten 30 Minuten des Zweitbundesliga-Handballspiels nicht weniger als neunmal.
Reinhold ließ nach dem Seitenwechsel sieben weitere Treffer folgen - trotzdem schaffte es die Halblinke in ihrer Ein-Frau-Show nicht, die Heimmannschaft zum Sieg zu schießen. Die in der 48. Minute noch mit vier Toren Vorsprung führenden, aber in der Schlussphase vornehmlich in Überzahlsituationen versagenden und "unerklärliche individuelle Fehler" (Trainer Sascha Rajkovic) begehenden Spielerinnen des TV Oyten mussten sich noch mit 26:28 (13:10) geschlagen geben. Zwei "Miese", die im Oytener Lager mächtig auf die Stimmung drückten. Denn der Aufsteiger verpasste den vorentscheidenden Schritt im Kampf um den Klassenerhalt, ferner entließ er seinen am Saisonende abwandernden Erfolgstrainer mit einer Niederlage aus der Pestalozzihalle. Rajkovic saß am Sonntagnachmittag letztmalig während eines Heimspiels auf der Oytener Bank, bis zur Trennung von dem Serben wird der TV Oyten nur noch Auswärtsspiele bestreiten. So beeindruckend Jacqueline Reinholds Vorstellung gegen die Lübeckerinnen auch war, er brachte auch Schattenseiten mit sich. "Der größte Teil unserer Spielerinnen hat sich gescheut, Verantwortung zu übernehmen", kritisierte Rajkovic. Mittelangreiferin Kim Pleß beispielsweise durfte für sich in Anspruch nehmen, wegen einer am vergangenen Wochenende erlittenen Knieverletzung nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte gewesen zu sein. Das Handikap wurde schon nach wenigen Minuten deutlich. Die über weite Strecken im rechten Rückraum eingesetzte Jana Kokot dagegen brachte erst in der vorletzten Minute ihren ersten Wurf aufs Travemünder Tor - und traf nach einem vorübergehenden Oytener 24:26-Rückstand prompt zum 26:26-Ausgleich. Doch eine gute Minute später ging die Nachwuchsspielerin untröstlich von der Platte. Sie hatte während des abschließenden Oytener Angriffs eher leichtfertig den Ball verloren, und Travemünde nutzte den umgehend eingeleiteten Tempogegenstoß zum endgültig entscheidenden 26:28. 34 Sekunden vor dem Abpfiff war es Travemündes Mittelangreiferin Claudia Duhr gewesen, die ihre Mannschaft mit dem Tor zum 26:27 wieder in Führung brachte.
Lahme Flügel "Hektik, Hektik, Hektik", schimpfte Rajkovic, der sich ferner mächtig darüber aufregte, dass seine Schützlinge innerhalb von vier Minuten eine 13:10-Pausenführung verspielt hatten und über die Außenpositionen lange Zeit nichts zustande brachten. Erst nach 43 Minuten erzielte Rechtsaußen Katharina Kruse den ersten TVO-Treffer von einer Flügelposition aus. Auch aus Fee Klemmts Klassevorstellung in der ersten Halbzeit konnte die Heimmannschaft nicht das erhoffte Kapital schlagen. Gemessen an zehn Paraden der Torfrau (darunter zwei abgewehrte Siebenmeter) rollten nur wenig "Wellen" durch die lange nicht mehr so gut besuchte Pestalozzihalle. Unter dem Strich verfügte der TSV Travemünde am Sonntagnachmittag über den ausgeglichener besetzten Kader. Während sich bis auf Linksaußen Stephanie Markmann sämtliche Spielerinnen der "Raubmöwen" in die Liste der Torschützinnen eintrugen, erzielte Reinhold die mit deutlichem Abstand meisten Treffer des TV Oyten. Ihr am nähesten kam noch die auf verschiedenen Rückraumpositionen eingesetzte Janka Kronschnabel (3).
Dennoch hielt der Aufsteiger lange Zeit die Trümpfe in der Hand. Eine in der 45. Minute erstmals erzwungene Vier-Tore-Führung (20:16) hatte zunächst bis zur 48. Minute gehalten (22:18), ehe der TSV Travemünde in der 53. Minute auch noch eine der beiden Innenblockerinnen aus seiner 6:0-Deckung verlor. Natalie Tonn sah wegen der dritten Zwei-Minuten-Strafe die Rote Karte. Zu diesem Zeitpunkt führte Oyten noch mit 23:22 (52.), doch die Fehlversuche - im Fall von Alleinunterhaltenerin Jacqueline Reinhold wohl auch durch den Kräfteverschleiß bedingt - häuften sich nun. Während Kim Pleß in einer zweiminütigen Oytener Überzahlsituation am Travemünder Block scheiterte, litt Reinholds Quote unter zwei in den Schlussminuten produzierten Fehlversuchen.
Entnommen aus:
Achimer Kurier vom 08.03.10; Autor: Ehrhard Müller ;